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Leiharbeit hautnah - eine Insiderin berichtet


Wussten Sie, dass Leiharbeiter im Schnitt eine ganze Woche mehr Fehlzeiten haben als andere Mitarbeiter?


Ich war hautnah dabei und konnte sehen, welche Auswirkungen Leiharbeit in der Produktion auf die mentale Gesundheit hat.



Da ich mir vor dem Beginn meines Studiums etwas dazuverdienen wollte, bewarb ich mich bei einer Zeitarbeitsfirma in meiner Nähe. Ich hatte Glück und erhielt kurze Zeit später ein Stellenangebot als Produktionshelferin in einem großen Pharmakonzern. Die Stelle war bekannt dafür, körperlich und psychisch anspruchsvoll zu sein. Aber ich wollte dem Ganzen trotzdem eine Chance geben. Wie schlimm konnte es schon sein?


Zu Beginn durchlief ich eine Art Schulung, die mich auf meine Arbeit bei der Nachkontrolle vorbereiten sollte. Die Arbeit bestand hauptsächlich darin, Beutel mit Flüssigmedikamenten auf Fehler an der Verpackung und in der Flüssigkeit zu überprüfen. Dafür wurden die bereits verpackten Beutel ausgepackt, kontrolliert und nochmal neu verpackt.


Gerade der Schichtdienst war anfangs eine Umstellung für mich, allerdings passte sich mein Körper überraschend schnell an die neuen Umstände an. Was für mich relativ einfach war, war besonders für viele ältere Menschen kräftezehrend. Viele erzählten mir, dass gerade der Rhythmus des Dienstes körperlich sehr anstrengend war, da die Schicht immer wechselte, wenn man sich gerade an eine Uhrzeit gewöhnt hatte.


Obwohl unser Vorarbeiter stets sein Bestes gab, um uns zu motivieren die Vorgaben zu erreichen, war es oftmals ein Ding der Unmöglichkeit diesen bunt durchmischten Haufen zu kontrollieren. Sowohl seine Kritik als auch die des Schichtleiters stieß häufig auf taube Ohren. Während sich einige richtig ins Zeug legten und ihre Arbeit gewissenhaft ausführten, war es anderen wiederum völlig egal, wie sie arbeiteten. Für viele meiner Kollegen war es normal mit der Arbeit aufzuhören, sobald der Vorgesetzte den Raum verlies. Übermäßige Pausen oder Handyspiele während der Arbeit waren keine Seltenheit. Für Viele war es vor allem die die Perspektivlosigkeit und die monotone Arbeit, die dazu führten, dass der Arbeitseifer sank.


Zeitarbeit nahm im Unternehmen eine zentrale Rolle ein. Unsere 3 Schichten bei der Nachkontrolle bestanden abgesehen von wenigen Mitarbeitern des Unternehmens fast ausschließlich aus Zeitarbeitsnehmern. Das Unternehmen ist auf diese Menschen angewiesen. Trotzdem scheint es egal zu sein, dass viele der Menschen dort ihre Arbeit nicht ernst nahmen - zumindest oft nicht ernst genug.


Oft wurde als Grund für die mangelnde Arbeitsmotivation die fehlende Bindung zum Unternehmen genannt. Man arbeitete nicht direkt für das Unternehmen, profitierte also nicht von deren Angeboten. Vor allem wurde man nicht so gut bezahlt, wie die Festangestellten ein paar Meter weiter. Die finanzielle Situation machte vielen zu schaffen, denn das was man als Produktionshelfer, trotz Schichtdienstzuschlägen bekam, war nicht viel.

Gerade diese offensichtliche Trennung zwischen Festangestellten und Zeitarbeitsnehmern war für viele problematisch.






Oft wurde mir erzählt, dass die Schichtleiter und andere Festangestellte sich nicht für die speziellen, teils schwierigen Herausforderungen der Leiharbeiter interessieren würden.


Ich weiß nicht ob es daran lag, dass ich nur 5 Monate dort verbrachte, allerdings nahm ich ein ganz anderes Bild wahr. Ich hatte den Eindruck, dass einem eine Vielzahl an Möglichkeiten geboten wurden, wenn man nur das richtige Engagement zeigte.


Viele wollten zwar aufsteigen, allerdings waren Autorität und das Befolgen von Anweisungen für einige ein unüberwindbares Hindernis. Dabei zeigte das Unternehmen deutlich, dass sie Leute für eine Festanstellung oder eine der zahlreichen Ausbildungsmöglichkeiten übernehmen. Irgendwo konnte ich dies auch nachvollziehen. Viele der Männer hatten in ihrem Heimatland eine Ausbildung oder sogar ein Studium begonnen, welches hier in Deutschland nicht anerkannt wurde. Der Frust war also unglaublich groß.


Zusätzlich zu den eigenen Problemen und Herausforderungen, mit denen jeder persönlich zu kämpfen hatte, war die teils mangelnde Arbeitsmoral immer wieder ein großer Streitpunkt untereinander. Anstatt den Fokus auf die eigene Arbeit zu legen, hatten einige ihren Fokus darauf, das Fehlverhalten anderer zu beobachten.


Aufgrund des ständigen Austauschs der Mitarbeiter - viele warfen nach wenigen Wochen das Handtuch - war es kaum möglich, eine produktive Arbeitsumgebung zu schaffen, in der gemeinsam und nicht gegeneinander gearbeitet wurde.


Eine weitere Herausforderung war die Unbeständigkeit der Leiharbeit. Man wusste nie, ob man nach Ablauf seiner Zeit eine Verlängerung bekam oder nicht. Gerade die Älteren hatten Angst, irgendwann körperlich nicht mehr fit genug für die Arbeit zu sein. Und was macht man mit Ende 50, wenn man jahrelang nichts anderes gemacht hat?

Zeitarbeit ist kein Vergleich zu einer Festanstellung. Diese Arbeitsform ist immer mit Unsicherheiten und Stress verbunden, da man nie weiß wie lange man noch für einen Betrieb arbeiten kann.


Ich merkte, dass gerade die Jüngeren ihre Arbeit oft nicht ernst nahmen. Viele arbeiteten nur selten eine volle Woche durch. Allerdings waren gerade die Aussichten für diese Altersgruppe relativ gut, auch ohne Abschluss. Die scheinbare Perspektivlosigkeit wurde also von vielen als Ausrede für mangelnden Arbeitseinsatz genutzt - während Möglichkeiten und Perspektiven einfach ausgeblendet wurden.


Was mir persönlich zu schaffen machte, waren nicht die Schichtarbeit oder die Unbeständigkeit - für mich war es ja ein Job auf Zeit - sondern die mangelnde Anerkennung die mir als Frau entgegenkam. Weil ich engagiert und zielstrebig arbeitete, wurden mir ein paar zusätzliche organisatorische Aufgaben übertragen und zum Leid meiner Kollegen auch die Aufsicht, wenn der Vorarbeiter nicht da war.


Ich hatte das Glück, dass sowohl mein Vorarbeiter als auch der Schichtleiter und die anderen Chefs ihre schützenden Hände über mich hielten. So wusste ich, dass wenn mir die Männer mal wieder auf der Nase herumtanzten, ich jederzeit ein paar Meter weiter Hilfe und Unterstützung erhalten würde.


Die Gespräche mit ihnen halfen mir nicht den Mut zu verlieren. Wenn man mit jemandem spricht, verschwinden oft die Selbstzweifel darüber, ob man sich in einer Situation richtig verhalten hat. Zusätzlich normalisierten die Gespräche für mich die Schwierigkeiten, mit denen ich konfrontiert war.



Das mag banal klingen, aber wenn jemand sagt, dass er das auch schon erlebt hat oder andere das schon durchmachen mussten, fühlt man sich plötzlich viel besser. Ich weiß jedoch, dass nicht jeder solche Chefs hat, mit denen man sprechen kann, die einem wirklich zuhören und Unterstützung bieten.


Gerade in solchen Fällen ist es nützlich, wenn es Beratungsangebote im Unternehmen gibt, bei denen man die Unterstützung bekommt, die man braucht. Hätte ich diese Unterstützung nicht bekommen, weiß ich nicht, ob ich nicht schon frühzeitig das Handtuch geworfen hätte.


Nach rund 5 Monaten war das Erlebnis Leiharbeit in der Produktion dann für mich zu Ende. Ich habe gesehen, dass Leiharbeit mit extrem vielen Problemen verbunden ist, wie die mangelnde Bindung zum Unternehmen oder die scheinbare Perspektivlosigkeit und Unbeständigkeit der Arbeit. Mit Hilfe der Unterstützung und den Gesprächen wurde die Zeit dort allerdings zu einer wichtigen Erfahrung für mich und hat mir gezeigt, dass man so auch durch schwierige Situationen kommen kann.



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Ihr Zieringer Consulting Team










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