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  • Helena Heinen

Der Mushroom Market oder wie psychedelische Drogen die Therapiewelt erobern

"Kaleidoskopartig sich verändernd, drangen bunte, phantastische Gebilde auf mich ein, in Kreisen und Spiralen sich öffnend und wiederschließend, in Farbfontänen zersprühend, sich neu ordnend und kreuzend, in ständigem Fluss." (Albert Hofmann, 1979)


Falls dem ein oder anderem Leser noch nicht klar ist von was hier die Rede ist – so beschrieb der Forscher Albert Hoffmann in seinem Buch „LSD – mein Sorgenkind“ [1] den ersten Acid Trip der Welt.


LSD – von den Beatles im Song „Lucy in the Sky with Diamonds“ besungen und zur psychedelischen Trenddroge der 60er Jahre geworden – ein Mittel, um die mentale Gesundheit zu fördern? Um Depressionen und Traumata zu heilen? Das glaubt zumindest die Organisation „The New Health Club“. Anne Philippi, Journalistin und Gründerin des „New Health Club” sowie immer mehr Forscher aus Deutschland, USA und Großbritannien wollen eine neue Ära der mentalen Gesundheit schaffen, in der Psychedelika als Werkzeuge dienen, um gut durchs Leben zu kommen. Sie sind von der Wirksamkeit eines therapeutischen Einsatzes von LSD, Psilocybin, MDMA und co. überzeugt.


Aber was steckt eigentlich dahinter? Wieso sind so viele Wissenschaftler plötzlich daran interessiert, Wirkstoffe, die wir sonst nur als gefährliche Partydrogen kennen, in den therapeutischen Einsatz zu bringen?

Psychedelika sind Substanzen, die an bestimmte Rezeptoren in unserem Gehirn ansetzen und so das Bewusstsein verändern. Sie bewirken, dass Farben, Töne und Gegenstände anders wahrgenommen werden – sogar Halluzinationen können auftreten.


Entdeckt wurde LSD durch Zufall durch den Chemiker Albert Hofmann, der nach einem Laborunfall die halluzinogene Wirkung des Stoffes entdeckte. Am 19. April 1943 führte er einen bewussten Selbstversuch durch und erlebte auf dem Fahrradweg vom Labor nach Hause starke Halluzinationen und Bewusstseinserweiterungen – der Tag ging unter dem Namen „Bicycle Day“ in die Geschichte ein. Bis in die 60er Jahre war das Interesse an der therapeutischen Behandlung von mentalen Krankheiten durch Psychedelika nicht unüblich. In dieser Zeit wurde LSD mit der Hippie Kultur gesellschaftlich immer beliebter.


Timothy Leary, Psychologe und ,,Guru’’ der Hippie-Bewegung propagierte den freien und allgemeinen Zugang zu bewusstseinsveränderten Drogen, wofür er von anerkannten Wissenschaftlern aufgrund der wenig erforschten Nebenwirkungen starken Gegenwind bekam.


Die gesellschaftliche Revolution der Gegenkultur und die zunehmende Verwendung von LSD als Rauschdroge veranlasste den US-amerikanischen Präsidenten Nixon, Schritte zur strengen staatlichen Restriktion einzuleiten. Mit den neuen verschärften Gesetzen wurden Studien zu Psychedelika und ihrer therapeutischen Wirkung quasi unmöglich gemacht und das Thema verschwand für die nächsten 30 Jahre aus der seriösen, wissenschaftlichen Forschung.


In den letzten Jahren ist das kontroverse Thema in der Wissenschaft allerdings wieder populärer geworden und es tauchen vermehrt wieder neue Studien und Forschungsergebnisse auf. Zu den größten Forschungszentren für psychedelische Substanzen gehören etwa die Johns Hopkins University in Baltimore und das Imperial College in London. Doch was sagt denn nun die Wissenschaft zu dem Thema? Können bewusstseinserweiternde Drogen tatsächlich für die Behandlung psychischer Erkrankungen dienen?

Eine Studie [3], in der Personen mit bisher behandlungsresistenter Depression untersucht wurden, zeigte, dass durch die Einnahme von Psilocybin – dem Aktivstoff in den sogenannten „Magic Mushrooms“, die depressiven Symptome tatsächlich nach einer Woche verringert wurden – was bei Probanden die kein Psychedelikum bekamen nicht der Fall war. Die Patienten waren nach der Einnahme weniger pessimistisch und konnten sogar bessere Auskünfte über ihre Zukunft treffen: Während sie vor der Psilocybin Therapie oft sehr pessimistische Zukunftsvisionen hatten und mit diesen meist falsch lagen, wurden die Vorhersagen nach der Therapie deutlich optimistischer und akkurater.

Eine andere Untersuchung zeigte, dass Psilocybin die depressiven und ängstlichen Symptome von Patienten mit Krebserkrankungen in fortgeschrittenem Stadium verringern konnte [4].

Ein sehr interessanter Befund ist auch, dass nach einer Therapie mit Psilocybin das Emotionszentrum unseres Gehirns – die Amygdala – messbar stärker reagiert, z.B. wenn wir Gesichter betrachten [5]. Patienten könnten durch eine solche Behandlung womöglich mit ihren eigenen Gefühlen konfrontiert werden und besser mit ihnen arbeiten.


Psychedelika können außerdem das psychische Wohlbefinden, Optimismus und Offenheit steigern [6]. Sie wirken sich sogar in gewisser Weise auf die Persönlichkeitsstruktur aus – in Studien wiesen Probanden die Psychedelika einnahmen, mehr Anteil am Leben ihrer Mitmenschen auf, waren extravertierter und offener [6,7].

Allerdings bringt die Einnahme auch Gefahren mit sich. So können etwa plötzlich verborgene psychische Störungen auftauchen und Angstzustände auftreten. Ein junger Mann sprang unter dem Einfluss von Psilocybin von einem Balkon aus dem 2. Stock [2].

Große politische Wirkung hatte auch der schockierende Fall einer 17-jährigen Französin, die auf einer Klassenfahrt nach Amsterdam psilocybinhaltige Pilze konsumierte und daraufhin von einem Gebäude sprang und ums Leben kam. In den Niederlanden gab es daraufhin große Veränderungen in den Drogengesetzen und der Verkauf der Magic Mushrooms wurde weitgehend verboten.


Fälle wie diese erinnern uns daran, dass man die Wirkung der Psychedelika nicht unterschätzen darf. Auch wenn sie momentan im Trend zu sein scheinen - es sind und bleiben bewusstseinsverändernde Drogen. Psilocybin ist unter anderem auch dafür bekannt, dass es Psychose-artige Symptome hervorruft, die ähnlich denen der frühen Stadien von Schizophrenie sind [9].

Es wird von Fällen berichtet, in denen Nutzer der Drogen völlig unkontrolliertes Verhalten zeigten [2]. Auch die körperlichen Nebenwirkungen sind nicht zu knapp. In manchen Fällen endet die Einnahme mit einem Besuch im Krankenhaus. Die häufigsten Ursachen in diesem Fall sind gestörtes emotionales Erleben ­– etwa plötzlich auftretende starke Angst und Niedergeschlagenheit ­–, Schwindel, Übelkeit und Bluthochdruck [10].


Psychedelika haben also längst nicht nur das Potenzial Personen aus dem Krankenhaus, sondern auch ins Krankenhaus zu bringen.

Ob es eine „Renaissance der therapeutischen Drogen“ geben wird? – wir sind gespannt, aber skeptisch. Den Regenbogen schauen wir uns lieber im nüchternen Zustand an.



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Quellen:


[1] Albert Hofmann (1979). LSD – mein Sorgenkind. Die Entdeckung einer Wunderdroge. Stuttgart: Clett-Kotta.


[2] Honyiglo, E., Franchi, A., Cartiser, N., Bottinelli, C., Advenier, A. S., Bévalot, F., & Fanton, L. (2019). Unpredictable Behavior Under the Influence of "Magic Mushrooms": A Case Report and Review of the Literature. Journal of forensic sciences, 64(4), 1266–1270. https://doi.org/10.1111/1556-4029.13982


[3] Lyons, T., Carhart-Harris, R.L. (2018). More realistic Forecasting of future life events after psilocybin for treatment resistant Depression. Front. Psychol. 9:1721. doi: 10.3389/fpsyg.2018.01721 https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyg.2018.01721/full


[4] Grob, C. S., Danforth, A. L., Chopra, G. S., Hagerty, M., McKay, C. R., Halberstadt, A. L., & Greer, G. R. (2011). Pilot study of psilocybin treatment for anxiety in patients with advanced-stage cancer. Archives of general psychiatry, 68(1), 71–78. https://www.researchgate.net/publication/46158400_Pilot_Study_of_Psilocybin_Treatment_for_Anxiety_in_Patients_With_Advanced-Stage_Cancer


[5] Roseman, L., Demetriou, L., Wall, M. B., Nutt, D. J., & Carhart-Harris, R. L. (2018). Increased amygdala responses to emotional faces after psilocybin for treatment-resistant depression. Neuropharmacology, 142, 263–269. https://doi.org/10.1016/j.neuropharm.2017.12.041

[6] Lyons, T., & Carhart-Harris, R. L. (2018). Increased nature relatedness and decreased authoritarian political views after psilocybin for treatment-resistant depression. Journal of psychopharmacology (Oxford, England), 32(7), 811–819. https://doi.org/10.1177/0269881117748902 [7] Erritzoe, D., Roseman, L., Nour, M. M., MacLean, K., Kaelen, M., Nutt, D. J., & Carhart-Harris, R. L. (2018). Effects of psilocybin therapy on personality structure. Acta psychiatrica Scandinavica, 138(5), 368–378. https://doi.org/10.1111/acps.12904


[8] Scott, G., & Carhart-Harris, R. L. (2019). Psychedelics as a treatment for disorders of consciousness. Neuroscience of consciousness, 2019(1), niz003. https://doi.org/10.1093/nc/niz003 [9] Vollenweider, F. X., Vollenweider-Scherpenhuyzen, M. F., Bäbler, A., Vogel, H., & Hell, D. (1998). Psilocybin induces schizophrenia-like psychosis in humans via a serotonin-2 agonist action. Neuroreport, 9(17), 3897–3902. https://doi.org/10.1097/00001756-199812010-00024


[10] Peden, N. R., Pringle, S. D., & Crooks, J. (1982). The problem of psilocybin mushroom abuse. Human toxicology, 1(4), 417–424. https://doi.org/10.1177/096032718200100408